Kunst entflammt

Objekte, Video

Advertisements

Kunst entflammt – von Königen und neuen Kleidern
Ingrid H. Klauser und Franz Gyolos
Die Treidler – Kunstverein Frankenthal am 23. 5. 03

„Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein.“ Doch eines Tages tauchten zwei Betrüger auf, die den Menschen die schönsten Stoffe und Kleider versprachen, die freilich für alle unsichtbar seien, die „unverzeihlich dumm oder für ihr Amt untauglich seien.“ Sie alle, meine Damen und Herren wissen, wie die Geschichte, dieses kluge Märchen von Hans Christian Andersen weitergeht, in welche Peinlichkeiten alle Beteiligten geraten, die alle nicht zugeben wollen, dass sie keine Kleider sehen, bis endlich ein unschuldiges Kind ausruft: „Aber er hat ja gar nichts an.“

„Des Kaisers neue Kleider“ ist der Titel einer Ausstellung vor zwei Jahren in Bozen, wo Ingrid Klauser die meisten der auch hier zu sehenden Arbeiten zeigte. Fast unsichtbare Stoffe, die sie gerne aus golden glitzernden Messingdrähten strickt, die jenem putzsüchtigen Kaiser sicherlich gefallen hätten. Bisweilen variiert sie ihre Fäden, benutzt bläulich oxidierten Messing- oder Kupferdraht, Lederriemen oder Bindfäden. Nun, Stricken evoziert das Klischee einer genuin weiblichen Handarbeit, für die die meisten Männer zu ungeschickt, zu dumm und untauglich sind. Fast alle haben dabei vergessen, dass einst auch Männer strickten, wie z.B. traditionell die Schäfer. Auch in der avantgardistischen Kunst ist diese uralte – und wie ich finde – sehr intelligente Technik wieder häufiger anzutreffen.

Ja, diese filigrane Handarbeit ist kein Handwerk, sondern eine sehr sublime und subtile Kunst, die sich zwischen den luftigen Maschen offenbaren kann, wenn man denn in diese Objekte hinein und durch sie hindurch schauen will. – Zunächst sind sie als schöne Objekte formalästhetisch interessant, als fast abstrakte Plastiken, die zwischen Positiv- und Negativvolumen changieren und eine optisch reizvolle Eleganz und Leichtigkeit inszenieren – besonders wenn sie sich – durch einen poetischen Hauch angeweht – ein weinig im Licht bewegen oder in den Bodenplatten spiegeln.

Doch ihre Form und ihre als Kleidungsstück angedeutete Funktion machen diese Objekte zu einer figurativen Kunst, die den Körper eines Menschen freilich nur andeutet, ihn mit seiner äußeren Hülle umgrenzt. Der Körper wird also entmaterialisiert, sprich, unsichtbar und offenbart dadurch einen Blick hinter die Fassade eines Menschen, wie in jenem dänischen Märchen. Hier im Unsichtbaren nämlich ist das wahre Ich zu finden, die Seele eines Menschen, die Seele dieser Kunst, die uns auch etwas über die Künstlerin selbst verrät.

Ingrid Klauser ist nämlich eine sehr philosophisch reflektierte Künstlerin, die ihr eigenes Ich, den eigenen Körper, ihre eigene Existenz hinterfragt und in spirituellen Dimensionen nach Antworten sucht. Das formuliert sich insbesondere in ihrer Videoinstallation, wo sie selbst schemenhaft vor ihren Kleidern zu einer meditativen Musik agiert. Sie tanzt während ein Text aus ihrer Feder von einer dunklen Frauen- und einer hellen Männerstimme gesprochen wird. Text und Bewegung dokumentieren eine sehr sensible und sinnliche Selbstwahrnehmung und Selbstbefragung. Dabei spielt die eigenen Haut das wichtigste Sensorium, die Welt und sich selbst zu empfinden, das Innere und das Äußere, zwischen dem Hier und dem Woanders, zwischen Angst und Geborgenheit, zwischen Einsamkeit und Zweisamkeit. Und viele andere Zwischenstadien sind hier zwischen den Zeilen zu lesen, zwischen den Maschen dieser Kleider, dieser sehr nachdenklichen Kunst von Ingrid Klauser, die den Menschen in der Tat weniger bekleidet als vielmehr in seiner existentiellen Nacktheit offenbart.

…..

Dr. Dietmar Schuth

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s