des Kaisers neue Kleider

Objekte Video – Katalog mit Texten von Alma Larsen

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Ausstellung von Ingrid H. Klausers „neuen Kleidern“ in der Galerie Prisma in Bozen

Haut und Purpur

„Des Kaisers neue Kleider“ nennt sich die Installation, die schon durch ihren Namen einen magischen, märchenhaften Raum betritt. Dass der Kaiser und das dazugehörige Märchen nicht mehr als metaphorische Anker sind – oder vielmehr ein ironischer Bruch – verrät der erste Blick. Sicher, es geht auch hier wie im viel berühmten Märchen um den Blick hinter die Maske, um die Sehnsucht, nach dem Wesentlichen, dem Eigentlichen – letztlich um die eigene Haut. Doch Ingrid H. Klauser besetzt die Schlüsselrollen ihrer filigranen Welt weiblich. Gestrickt oder genäht hängen wunderbare Gewänder von der Decke oder auf Metallständern. Draht, Schnur, Lederbänder und Seide folgen einem gleichmäßig ruhigen Muster der Gestaltung.
Diese luftigen Gebilde unterwerfen die Betrachtung aber nicht einem arroganten Modediktat, hier bleibt Raum, um sich hinter oder durch die Maschen zu denken. Und die Assoziationen stellen sich fast schicksalshaft ein. Schließlich geht von jedem Gewebe, jeder Textur eine feine Faszination aus, die weit über das Stoffliche hinausgeht. Zu nahe liegt der Gedankenschluss mit dem sozialen Gewebe, dessen Teil wir sind. Und nicht zuletzt durch unsere „Hüllen“ versuchen wir dort einen bestimmten Raum zu besetzen.
Doch die Metapher, die Klauser bemüht, bietet Raum für mehr, passt sich an wie ein abgewohnter Pullover, der zahllose Geschichten birgt. Die Lachesis nimmt Platz und spinnt unermüdlich an ihrem Schicksalsfaden, wie wir es von ihr erwarten. Auch Penelope gehört natürlich hierher, die in Gedanken an Odysseus ihr Webstück voranbringt und revidiert wie ein Lebensentwurf, der nie an sein Ende kommt.
Und hier schließt sich der Kreis zu einer dezidiert weiblichen Identitätssuche, die zwischen den Maschen das Selbst wittert. Klausers Kleider sind zwar zum Teil noch aus Metalldraht, aber schon unendlich weit entfernt von assoziativen Vorbildern wie dem martialischen Kettenhemd oder gar Versatzstücken mittelalterlicher Foltermethoden. Und das überlebensgroß fließende Purpurgewand, das einen vordergründigen Bogen zu den Machtinsignien des Kaisers schlagen könnte, entfaltet im Kontext sein wahres Ich als Signal für Leidenschaft und das erste Aufblitzen unbändiger Freude über potentielle Freiräume, die sich auftun.
Das Video „Die Haut“ im Nebenraum ergänzt das Vakuum der Maschengebilde um einen Menschen, der sich in seiner Haut, die zunächst zu groß scheint, wohnlich einrichtet.
Die Installation von Ingrid H. Klauser besticht insgesamt durch ihre leise, feine Art und Authentizität. Wie stark die Impulse sind, die von den märchenhaften Gewändern ausgehen, wird in den Gedichten von Alma Larsen im Katalog spürbar, welche die Fotografin und Lyrikerin auch bei der Vernissage gelesen hat.

Karin Dalla Torre (kar)
Dolomiten 20. 6 2000

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